LABEL 56 56ER UND IHR SCHREIBTISCH Esther, Sie sind in Lahnstein geboren, nur wenige Kilometer von Koblenz entfernt, und der Region bis heute verbunden. Was bedeutet Heimat für Sie? Heimat ist für mich viel mehr als der Ort, der im Personalausweis als Geburtsort steht. Lahnstein, Koblenz, der Rhein, die Wälder und die Landschaft hier sind ein Teil meiner Geschichte. Ich bin hier groß geworden, hier liegen meine Wurzeln und hier habe ich viele der Erfahrungen gemacht, die mich geprägt haben. Heimat ist ein tiefes Herzensgefühl, das aus der echten Verbindung zu mir selber und zu den Menschen um mich herum entsteht. Sie sind als eines von vier Kindern in einem Mehr- generationenhaus aufgewachsen. Was hat diese Kindheit mit Ihnen gemacht? Sehr viel. Ein Mehrgenerationenhaus bedeutet zunächst viel Trubel. Ich habe früh gelernt, dass die eigene Welt nicht nur aus einem selbst besteht. Für mich war diese Zeit eine enorme Schule in Sachen Wahrnehmung. Als Kind beobachtet man sehr genau, auch wenn man vieles noch nicht benennen kann. Man spürt Stimmungen. Man merkt, wenn etwas unausgesprochen im Raum steht. Man erlebt Nähe, Zusammenhalt und Geborgenheit, aber eben auch die Muster und Verletzungen, die Familien über Generationen mit sich tragen können. Heute kann ich auf vieles mit einem anderen Verständnis schauen. Ich glaube nicht daran, unsere Eltern oder Großeltern für alles verantwortlich zu machen, was in unserem Leben schwierig ist. Jeder Mensch gibt zunächst einmal das weiter, was er selbst gelernt und erfahren hat. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem wir erwachsen sind und Verantwor- tung dafür übernehmen können, welche Muster wir weiterführen und welche nicht. Tod und Verlust gehörten schon früh zu Ihrem Le- ben. Hat das Ihre Sicht auf das Leben verändert? Ganz sicher. Wenn man früh erlebt, dass Menschen gehen und dass Leben endlich ist, entsteht eine besondere Beziehung zum Thema Tod. Das muss nicht bedeuten, dass man keine Angst oder Trauer empfindet. Aber der Tod wird weniger zu etwas, das man vollständig aus seinem Leben verdrängen kann. Ich habe irgendwann verstanden, dass Tod und Leben keine Gegensätze sind. Die Endlichkeit macht vieles überhaupt erst kostbar. Ein Gespräch, eine Berührung, ein gemeinsamer Nachmittag, ein 36 Streit, den man noch klären kann. Wir leben häufig so, als hätten wir unbegrenzt Zeit. Aber das haben wir nicht. Vielleicht kommt daher auch mein Wunsch, Dinge nicht dauerhaft unausgesprochen zu lassen. Ich möchte Men- schen wirklich begeg- nen. Ich möchte wissen, wie es ihnen geht und nicht nur hören, dass „alles gut“ ist. Der Tod hat für mich dadurch etwas von seinem Schre- cken verloren. Trauer bleibt Trauer. Verlust bleibt schmerzhaft. Aber gleichzeitig entsteht eine große Dankbarkeit für das Leben. Und diese Dankbarkeit empfinde ich heute sehr bewusst. Sie sprechen offen über familiäre Prägungen und Traumata. Wann haben Sie begonnen, Ihre eigene Familiengeschichte anders zu betrachten? Das war kein einzelner Moment. Es war eher ein Prozess, der sich über viele Jahre entwickelt hat. Irgendwann beginnt man zu erkennen, dass be- stimmte Verhaltensweisen nicht zufällig immer wie- der auftauchen. Warum reagieren wir in bestimmten Situationen so stark? Warum geraten wir immer wie- der in ähnliche Beziehungen oder Konflikte? Warum tragen wir Ängste mit uns herum, deren Ursprung wir gar nicht richtig erklären können? Ich habe angefangen, neugierig darauf zu werden, statt mich dafür zu verurteilen. Dabei wurde mir bewusst, dass Familie viel mehr weitergibt als Augenfarbe, Tradi- tionen oder bestimmte Charakterzüge. Wir über- nehmen Vorstellungen darüber, wie Beziehungen funktionieren, wie wir mit Gefühlen umgehen, was erlaubt ist und worüber besser geschwiegen wird. Für mich bedeutet Aufarbeitung aber ausdrücklich nicht, mit dem Finger auf vorherige Generationen zu zeigen. Das wäre zu einfach. Es geht um Verständnis und darum, irgendwann sagen zu können: Bis hier-